Ein Gespür für Besseresser

Mit auf dem Siegerpodest (von links): Mabinty Conteh und Markus Schmid vom Öpfelbaum Uster (Platz 2)

REGION Drei Oberländer Bio-Fachgeschäfte gehören laut einem Branchenmagazin zu den Besten ihrer Art in der Schweiz. Dass die Region in diesem Bereich so stark ist, verdankt sie einer guten lokalen Vernetzung und viel Erfahrung mit dem Wandel.

Wer das gelobte Land für gesunde und umweltbewusste Ernährung sucht, muss gar nicht erst verreisen: Die besten Schweizer Bio-Fachgeschäfte befinden sich im Oberland. Zu diesem Ergebnis kommt das Branchenmagazin «Oliv». Ausgehend von einer jährlich stattfindenden Kundenbefragung hat es im September den «Bio-Star 2016» vergeben.
In der Kategorie «mittelgrosser Laden» ist der Kornladen Kempten das zweite Jahr in Folge als Sieger hervorgegangen. Platz 2 ging an den Öpfelbaum aus Uster, Platz 3 an den Naturlade aus Wald.

Kunden haben entschieden
Drei Oberländer auf dem Siegerpodest – die Region hat offenbar ein gutes Gespür für Kundenbedürfnisse. Das Ergebnis des Wettbewerbs beruht im Wesentlichen auf den Fragebögen, die die Ladenkundschaft ausgefüllt hat. Darin sollten etwa die Ladenatmosphäre, die Beratungskompetenz oder das Sortiment beurteilt werden. Zusätzlich hatte das Magazin Juroren entsandt, um den laufenden Betrieb zu inspizieren.

Nica Geisser, Geschäftsführerin des Kornladens Kempten, begründet das erfolgreiche Abschneiden ihres Ladens unter anderem mit dem breiten Zusatzangebot an Catering und Kochkursen sowie mit der inklusiven Lehrlingsausbildung. «Wir stellen auch junge Leute ein, die es auf dem normalen Arbeitsmarkt schwer haben», sagt sie. Dementsprechend sei die Auszeichnung eine Motivation für das gesamte Team.

Gemeinsam zum Erfolg
Dass das Oberland insgesamt so erfolgreich beim «Bio-Star 2016» abgeschnitten hat, führen alle drei Geschäftsführer nicht zuletzt auf ihre Mitgliedschaft im Verein Bio-Fachgeschäfte Zürich und Umgebung (Bifaz) zurück.
«Wir sind laufend im Austausch mit den anderen Läden und verständigen uns darüber, was uns beschäftigt und was wir vorhaben», sagt Markus Schmid vom
Öpfelbaum Uster. Um auf dem Markt zu bestehen, müsse man sich vorausschauend weiterentwickeln. Entscheidend sei, so Schmid, Trends frühzeitig zu erkennen, anstatt sich vom Marktdruck treiben zu lassen. Der Bifaz leistet daher einen wichtigen Beitrag zur Orientierung.

Keine Konkurrenten
Als Konkurrenten betrachten sich die drei Oberländer Bio-Läden nicht. «Jeder Laden zieht andere Kunden an», sagt Geisser. Im Naturlade in Wald freut man sich auch über den dritten Platz. Wichtiger als die Rangfolge sei, was die drei Bio-Läden verbinde:
«Wir bemühen uns alle um die Einbindung lokaler Lieferanten, das ist ein Schritt in die richtige Richtung», sagt Geschäftsführerin Ursula Sobota.

Noch etwas haben die ausgezeichneten Bio-Läden gemeinsam: Es gibt sie schon seit über
20 Jahren. Nica Geisser hat den Kornladen 1991 übernommen, der Öpfelbaum eröffnete sein Ladengeschäft 1988, der Naturlade 1987.

Vieles hat sich in dieser Zeit verändert. Auf der Lieferantenseite habe sich das Angebot um das Zigfache erhöht, wie Ursula Sobota vom Naturlade hervorhebt: «Früher haben wir hauptsächlich Grundnahrungsmittel angeboten, weil es überhaupt nur wenige Lieferanten gab», sagt sie.
«Heute können wir aus Tausenden von Produkten auswählen.»
Damit einher geht die Schwierigkeit, die richtigen Angebote herauszufiltern, insbesondere wenn man hohe ethische Massstäbe anlegt: faire Arbeitsund Lohnbedingungen, keine Produkte aus Monokulturen, wenig Verpackungsmaterial.

Neue Kunden und Ansprüche
Aber auch auf Kundenseite hat sich seit den 1990er Jahren viel getan. «Damals stand das ökologische Interesse im Vordergrund. Schon am äusseren Erscheinungsbild konnte man den typischen Bio-Laden-Kunden erkennen, etwa am selbstgestrickten Pullover», sagt Geisser. Im Zuge dessen hätten sich auch die Ansprüche an Bio-Produkte verändert, wie die Kornladen-Chefin ergänzt: «Heute steht vielmehr der Genuss im Vordergrund.»
Bio ist zu einem Breitenphänomen geworden, an dem auch Grossisten wie Coop und Migros kräftig mitverdienen. Die wachsende Konkurrenz bekommen die klassischen Bio-Läden zu spüren. «Natürlich nehmen uns die Grossverteiler ein Stück vom Kuchen weg. Dafür können wir spezielle Produkte von kleineren Unternehmen anbieten, die es im Supermarkt nicht gibt, auch aus der Region», sagt Geisser.

Markus Schmid vom Öpfelbaum Uster betont deshalb die Wichtigkeit von Kooperationen mit Lieferanten: «Wir motivieren sie, Bio-Produkte für uns zu produzieren.» Dabei nehme man eine Vorreiterrolle ein. Schon von Anfang an habe der Öpfelbaum auf «Regionalität» gesetzt. Dennoch stammt ein Grossteil der Waren von Grossisten. «Es gibt nicht genügend Bio-Produzenten in der Region, um den Bedarf zu decken», sagt er. Nica Geisser pflichtet ihm bei: «Manches ist in der Schweiz schlicht nicht machbar. Die Mandarinen im Winter kommen zwangsläu-
fig aus Spanien.»

Noch mehr «Regionalität»
Der Kornladen Kempten, der Öpfelbaum Uster und der Naturlade Wald bemühen sich darum, ihr Angebot an regionalen Produkten noch weiter auszubauen. Bei allen wirtschaftlichen Herausforderungen bleibt Markus Schmid optimistisch, was seine Branche betrifft: Auch in Zukunft würden Kunden bereit sein, für ein qualitativ höherstehendes Produkt mehr zu zahlen. «Bio» dürfe nicht zu einem reinen Marketinginstrument werden: «Letztlich geht es um eine bessere Welt – davon profitieren wir alle.»

Jörg Marquardt

Download PDF

Zurück